Armenier: Schmerzhafte Suche nach den Wurzeln

 

ref.zeitungAdrian Künsch, Shamiran Stefanos und Eugénie Renold Arman studieren Akten 
(Bild: Martin Guggisberg)

Der Europäische Gerichtshof ordnet das Leugnen de Völkermordes an den Armeniern dem Recht auf Meinungsfreiheit zu. Für die Nachgeborenen ist das ein Skandalurteil.

Eugénie Renold war geschockt. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der das Leugnen des Völkermords an den Armeniern durch das Recht auf Meinungsfreiheit schützt, verletzte die Schweizerin mit armenischen Wurzeln. «Ein Skandalurteil«, sagt sie und kramt die Europäische Menschenrechtskonven­tion hervor. Sie verweist auf den zweiten Absatz des Artikels 10, der die Meinungsfreiheit garantiert: «Hier wird von einem ‹verantwortlichen Umgang mit der Meinungsfreiheit› gesprochen. Die Richter haben dies nicht berücksichtigt.»

Todesmärsche. Vor Eugénie Renold liegt das Tagebuch von Clara Spirig-Hilty. Die Schweizerin hat 1915 die bestialischen Metzeleien in der Türkei erlebt und festgehalten, wie Leichen den Euphratfluss hinabtrieben, Mädchen vergewaltigt und überlebende Frauen und Kinder in die Wüste hinausgejagt wurden. «Um ihre letzte Kraft zu brechen, führt man sie tagelang im Kreis herum», berichtete die Tagebuchschreiberin über die Todesmärsche der Armenier. Eugénie Renold kennt die Geschichte von Kindesbeinen an. Ihre armenische Mutter hat immer wieder davon erzählt. Die Auseinandersetzung mit dem Völkermord ist für sie ein Teil ihrer Identität geworden, wie sie bei einem Treffen im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich sagt. Sie setzt hinzu: «Das Wissen um den Völkermord trägst du immer in dir. Es greift in dein Leben ein, prägt deinen Alltag.»

Heimatverlust. Shamiran Stefanos bestätigt dies. Für die 26-Jährige ist die Situation noch spannungsgeladener. Sie gehört zu den aramäischen Christen, die wie die Armenier im Osmanischen Reich zwischen 1915 und 1917 systematisch liquidiert wurden. Das Morden an den aramäischen Christen ist allerdings völlig in Vergessenheit geraten. «Ein Gefühl für meine verlorene Heimat musste ich mir regelrecht erobern. Ich konnte nicht wie andere Secondo-Kinder in den Sommerferien an den Herkunftsort meiner Eltern reisen», sagt sie. Erst vor wenigen Jahren ist sie erstmals in die südostanatolische Heimatstadt ihrer Eltern gereist. Jetzt will sie Türkisch lernen, die Sprache des Landes, aus dem ihre als Christen diskriminierten Eltern 1973 geflohen sind.

Die Auseinandersetzung mit der Herkunft, mit der Geschichte der Aramäer, bestimmt ganz wesentlich ihr Leben. Kürzlich war sie drei Monate in Istanbul, hat mit jungen Türken die Genozidfrage diskutiert. Denn Shamira Stefanos findet es auch geschichtspolitisch wichtig, dass nicht nur in der Türkei, sondern überall auf der Welt, wo eine Ethnie oder religiöse Gruppe systematisch ausgerottet wurde, eine Aufarbeitung stattfindet. Sie erinnert in diesem Zusammenhang an Hitler, der seine Vernichtungspolitik in Polen mit dem Verweis auf die Armenier begründete: «Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier.» Dass die Schweiz das Leugnen eines Genozids unter Strafe stellt, darauf sind die beiden jungen Frauen stolz.

Cevi-Engagement. Auch die reformierten Kirchen haben eine besondere Beziehung zu den Armeniern. Daran erinnert Adrian Künsch-Wälchli, der für den Cevi Zürich die Armenien-Partnerschaft lancierte: «Die Grossmutter meiner Frau erinnert sich noch, wie sie für den Armenier-Basar Socken gestrickt hat.» Bereits 1896, anlässlich der ersten Pogrome gegen die Armenier, organisierten Schweizer Reformierte eine Kampagne und forderten das Eingreifen der Grossmächte gegen die Ausrottungspolitik. Heute setzt der Cevi dieses Erbe fort. Dabei konzentriert sich der Zürcher Cevi auf die 1988 von einem Erdbeben völlig zerstörte Stadt Spitak in Armenien. Ein Kultur- und Begegnungszentrum ist mit Spendengeldern entstanden. Was aber Künsch-Wälchli noch wichtiger erscheint als die materielle Hilfe: Über die Jahre ist ein dichtes Netz von tiefgreifenden Beziehungen geknüpft worden. Auch dieses Jahr stehen ein Workcamp und eine Studienreise an. «Hier können wir dank unserer sozialen Kontakte mehr bieten als Sightseeing.» Eugénie Renold war schon dreimal dabei. «Diese Begegnungen halfen mir beim Finde meiner armenischen Identität.»  Delf Bucher

reformiert.info  17.01.2014

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